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Chirurg im „Zwitterprozeß“ zu 100.000 € Schmerzensgeld verurteilt

Ein Chirurg, der eine intersexuelle Patientin mit einer Operation körperlich zum Mann machte, muß dieser 100.000 € Schmerzensgeld zahlen. Dies hat das Landgericht Köln nunmehr in dem in den Medien sogenannten „Zwitterprozeß“ entschieden (Urt. v. 12.08.2009, Az. 25 O 179/07). Der Arzt war bereits im Februar 2008 in einem Grundurteil zur Zahlung von Schmerzensgeld verurteilt worden. Die vom Arzt hiergegen eingelegte Berufung wurde im September 2008 vom Oberlandesgericht Köln abgewiesen, das Berufungsgericht bestätigte, der Chirurg habe die Klägerin schuldhaft in ihrer Gesundheit und ihrem Selbstbestimmungsrecht verletzt. Über die Höhe des zu zahlenden Betrages wurde nunmehr mit Schlußurteil durch das Landgericht entschieden.
Die heute fünfzigjährige Klägerin fühlt sich als Frau. Sie war mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt gekommen, von der Hebamme nach der Geburt als Junge registriert und danach als Junge großgezogen worden. Erst bei einer Blinddarmoperation im Jahr 1977 waren innere weibliche Geschlechts-organe entdeckt und ohne vorherige Aufklärung der damals 18-Jährigen entfernt worden. Während man vor diesem folgenschweren Eingriff von einem gemischt weiblich-männlichen Geschlecht und verkümmerten weiblichen Geschlechts¬organen ausgegangen war, zeigte sich während der Operation eine normale weibliche Anatomie mit intakter Gebärmutter und Eierstöcken. Den Richtern zufolge hätte der Chirurg daher den Eingriff sofort abbrechen müssen.
Die Klägerin berichtete im Prozeß über ihren sich an die Operation anschließenden langen Leidensweg, von körperlichen Beeinträchtigungen, Schmerzen und schweren psychischen Problemen. Eine Sachverständige führte vor Gericht aus, für die intersexuelle Klägerin wäre auch nach dem damaligen medizinischen Stand im Jahr 1977 das gewünschte Leben als Frau möglich gewesen. Dies hätte man mit Medikamenten und möglicherweise operativen Eingriffen erreichen können.

Das Gericht entschied, daß die Klägerin dafür zu entschädigen sei, daß ihr durch die Entfernung der weiblichen Geschlechtsorgane die Möglichkeit genommen wurde, ein Leben als Frau zu führen, eine weibliche Sexualität zu erleben sowie den Versuch zu unternehmen sich fortzupflanzen. Hiermit gehe eine erhebliche psychische Belastung einher – die aus dem Eingriff folgende massive Beeinträchtigung der geschlechtlichen Identität wirke sich tagtäglich aus und betreffe alle Lebensbereiche der nunmehr fünfzigjährigen Klägerin. Vor diesem Hintergrund befand das Gericht ein Schmerzensgeld von 100.000 € für angemessen.

Das aufsehenerregende Verfahren wird bundesweit als Präzedenzfall und Musterprozeß bewertet. Der zum dritten Mal vor Gericht unterlegene Arzt kann auch gegen das nunmehrige Schlußurteil in Berufung gehen.

25.09.2009


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