Medizinrecht Aktuell -- Ihr Informationsportal rund um Medizinrecht.
Ein Informationsdienst der Kanzlei Dr. Halbe RECHTSANWÄLTE - Arztrecht / Medizinrecht

Darf ein Arzt seinem Patienten eine Behandlungsalternative empfehlen?

In einer jüngeren Entscheidung des Oberlandesgerichts (OLG) Koblenz (Urteil vom 12.02.2009, Az. 5 U 927/06) hatte sich das Gericht mit der Frage zu befassen, inwieweit ein Arzt eine konkrete Empfehlung abgeben darf, wenn mehrere Alternativverfahren zur Verfügung stehen.

In dem Sachverhalt, der dem dortigen Verfahren zugrunde lag, hatte sich die Klägerin einer Innenmeniskusglättung unterzogen. Gleichzeitig war ihr eine Umstellungsosteotomie empfohlen, die dann auch durchgeführt wurde. Bei der Operation kam es zu einer Schädigung des Nervus peroneus mit dauerhaft verbleibender Fußheberschwäche.

Zudem behauptete die Klägerin im Verfahren, daß eine Überkorrektur vorgenommen worden wäre, aus der – wie auch aus der Nervenschädigung – dauerhafte Schmerzen im linken Bein resultierten. Die Klägerin erhob zudem Aufklärungsrügen.

Von Beklagtenseite wurde darauf hingewiesen, daß bei der therapeutischen Aufklärung über Alternativen zu einem endoprothetischen Gelenkersatz gesprochen worden wäre. Die Umstellungsosteotomie sei jedoch die gebotene Maßnahme gewesen. Es sei auch auf das Risiko einer Nervenverletzung hingewiesen worden.

In erster Instanz vor dem Landgericht kam es zur Klageabweisung; dies mit der Begründung, daß die Umstellungsosteotomie indiziert und die Klägerin über Behandlungsalternativen informiert gewesen wäre. Über die Schädigung des Nervus peroneus als typisches Operationsrisiko sei auch zuvor aufgeklärt worden. Eine Überkorrektur liege nicht vor.

Die Klägerin verfolgte ihr Anliegen jedoch in der Berufungsinstanz weiter; hierbei kam es jetzt zu einer Verurteilung der Behandlerseite.

Ohne Erfolg blieb jedoch die Aufklärungsrüge. Insbesondere zur Frage der Alternativaufklärung hat das Gericht dabei ausgeführt:

„… Die Empfehlung einer operativen Intervention war daher grundsätzlich richtig.

Erörterungsbedürftig ist allerdings, ob der Klägerin statt zu einer Umstellungsosteotomie zu einer prothetischen Versorgung des Kniegelenkes geraten werden musste. Nach Auffassung der Sachverständigen Dr. Z./Prof. Dr. L. wäre eine Knieprothese aus heutiger Sicht die bessere Entscheidung gewesen. Darauf kann indes nicht abgestellt werden, weil die therapeutische Aufklärung sich nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft zum Zeitpunkt des Eingriffs zu richten hat. Dass im Jahr 2001 implantierte Kniegelenksprothesen eine weitaus längere „Standzeit“ haben als seinerzeit prognostiziert, war nicht hervorsehbar.

Das ändert aber nichts daran, dass die Versorgung des Kniegelenks mit einer Prothese schon im Jahr 2001 eine echte Behandlungsalternative war. Darüber musste die Klägerin aufgeklärt werden. Eine derartige Aufklärung ist indes zur Überzeugung des Senats in ausreichender Weise durch den Zweitbeklagten erfolgt. Das ergibt sich aus den Angaben, die die Klägerin bei ihrer Anhörung in der mündlichen Verhandlung des Landgerichts … gemacht hat. Dort heißt es, der Beklagte zu 2. habe ihr gesagt, für die Implantation einer Knieprothese sei sie noch zu jung. Damit verbietet sich die Annahme, über die Behandlungsalternative (Knieprothese) sei überhaupt nicht gesprochen worden.

Dass der Beklagte zu 2. im weiteren Verlauf des Beratungsgesprächs die Umstellungsosteotomie favorisierte, ist nicht zu beanstanden. Besteht eine Behandlungsalternative, ist der Arzt nach Darstellung des Für und Wider nicht gehalten, von einer konkreten Empfehlung abzusehen. Liegt diese Empfehlung unter Berücksichtigung aller entscheidungserheblichen medizinischen Anknüpfungs-tatsachen im Rahmen des Vertretbaren, ist die therapeutische Aufklärung nicht zu beanstanden. Der Rat zu Umstellungsosteotomie lag im vorliegenden Fall deshalb nahe, weil ein Fehlschlag des Eingriffs oder ein ausbleibender Dauererfolg die Möglichkeit einer späteren prothetischen Versorgung des Kniegelenks offen hielt.“

Anders als für den vorgenannten Bereich der Alternativaufklärung sah das Gericht allerdings die Riskoaufklärung als mangelhaft an. Gerade der Nachweis, daß über die mögliche Läsion des Nervus peroneus gesprochen worden war, konnte nämlich zur Überzeugung des Gerichts nicht geführt werden. Da auch eine Berufung auf die Grundsätze der hypothetischen Einwilligung von Behandlerseite nicht erfolgte - also der Behauptung, ein Patient hätte sich sowieso auch bei ordnungsgemäßer Aufklärung für die Durchführung des Eingriffs entschieden - war die Umstellungsosteotomie auch nicht aus diesem Grunde gerechtfertigt.

Demnach kam es hier sowohl zu einer Haftung des Krankenhausträgers als auch des Chefarztes – dieser hätte sich der erfolgten Risikoaufklärung versichern und/oder organisatorische Maßnahmen hierfür im gerichtlichen Verfahren darlegen müssen - und des Oberarztes, der sich ebenfalls nicht der sachgemäßen Aufklärung durch den Assistenzarzt versichert hatte.

Gerade die letztgenannten Begründungen für eine Haftung von Chefarzt und Oberarzt mögen im klinischen Alltag zu einem gewissen Unverständnis führen, wenn hier Pflichten aufgegeben werden, die oftmals nur schwerlich erfüllt werden können. Eine Sensibilisierung für das Problemfeld mag jedoch ein erster Schritt sein, um eine derartige Haftung in institutionellen Einrichtungen schon dem Grunde nach auszuschließen.

15.05.2009


Eine Seite zurück  Eine Seite vor

Verwandte Stichworte

Medizinrecht

Apothekenrecht

Arzthaftungsrecht

Vergaberecht

Krankenhausplanung / -finanzierung

Heilmittelwerberecht

Pharmarecht

Compliance-Beratung

Krankenhausrecht

Pflegerecht und Rehabilitationsrecht

Kooperationen im Gesundheitswesen

Medizinische Versorgungszentren

Krankenhaus-Entgeltrecht

Medizinprodukterecht

Psychotherapeuthenrecht

Gesellschaftsrecht

Chefarztrecht

Vertragsarztrecht

Zahnarztrecht

Arzneimittelrecht