Medizinrecht Aktuell -- Ihr Informationsportal rund um Medizinrecht.
Ein Informationsdienst der Kanzlei Dr. Halbe RECHTSANWÄLTE - Arztrecht / Medizinrecht

Unterlassung weiterer Untersuchungen, wenn typische Beschwerden erst nach Krankenhausentlassung auftreten

Die Haftung eines Arztes kann sich auch und gerade unter dem Gesichtspunkt der Unterlassung weiterer Befunderhebungen begründen. Dies liegt insbesondere dann vor, wenn typische Symptome auftreten, welche eine weitergehende Diagnostik erfordert hätten.

Unjüngst hatte sich hiermit das Oberlandesgericht (OLG) München zu befassen (Urteil vom 12.06.2008, Az.: 1 U 5006/07). Die Besonderheit des Falles lag aber darin, daß das Auftreten typischer Symptome während des Krankenhausaufenthaltes streitig war und diese ggf. erst nach Krankenhausentlassung aufgetreten waren. Dem Verfahren lag folgender Sachverhalt zugrunde:

Die Klägerin des Verfahrens begab sich mit Obstipation und Übelkeit in die stationäre Behandlung. Hier wurde eine laparoskopische Operation unter Lösung von Bridenverwachsungen des Dünndarms durchgeführt. Es kam zur arteriellen Blutung im Operationsgebiet, die intraoperativ gestillt werden konnte.

Anschließend wurde die Klägerin nach einigen Tagen der Beobachtung entlassen. Sie meldete sich vier Tage nach Entlassung bei ihrer Hausärztin zur Nachuntersuchung und klagte dort über „Parästhesien im rechten Oberschenkel und Schmerzen bei längerem Gehen“. In der Folgezeit klagte sie auch über „Pelzigkeitsgefühl“ und Kältegefühl im rechten Bein.

Unter dem Verdacht auf einen Verschluß der Arteria iliaca rechts wurde eine Abklärung des Befundes vorgenommen. Durch Angiographie konnte ein Verschluß der rechtsseitigen Arteria iliaca externa verifiziert werden. In der Folgezeit kam es zu einer Thrombose, weswegen stationäre Aufnahme und notfallmäßige Operation notwendig wurden. Es wurde dabei auch eine Überbrückung mittels iliacofemoralen Bypasses vorgenommen.

Die von der Klägerin angestrengte Klage gegen verschiedene beteiligte Ärzte, u.a. auch gegen die der erstbehandelnden Klinik, stützte sich darauf, daß die laparoskopische Erstoperation nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden sei und zu einem Verschluß der Arteria iliaca externa geführt habe. Hier sei die falsche Operationstechnik gewählt worden. Im Übrigen seien postoperative Beschwerden verkannt worden, so daß eine sofortige ordnungsgemäße Nachbehandlung nicht durchgeführt worden wäre. Hierdurch sei aber eine Verschlimmerung des Krankheitsbildes der Klägerin zu vermeiden gewesen.

Die Beklagten verteidigten sich hiergegen, nicht die Arteria iliaca sei im Rahmen der Laparoskopie verletzt worden, sondern ein „kleines Gefäß nahe der lateralen Bauchwand“. Es handele sich hierbei um ein behandlungsimmanentes Risiko. Zudem seien während der Phase der Nachbehandlung in der Klinik keine Beschwerden geäußert worden, die auf eine arterielle Durchblutungsstörung hingedeutet hätten.

Das Landgericht hat die Klage abgewiesen und sich darauf gestützt, die laparoskopische Operation sei nicht behandlungsfehlerhaft gewesen; Anhalts¬punkte dafür, daß ein größeres Gefäß verletzt worden sei, lägen ebenfalls nicht vor. Hinsichtlich einer möglicherweise fehlerhaften Nachbehandlung ergäben sich zudem Probleme der Kausalität, ob diese für eingetretene Körper- und Gesundheitsverletzungen der Klägerin ursächlich geworden wären.

Hiergegen ging die Klägerin in Berufung und begründete diese – hinsichtlich der Phase der Nachbehandlung – damit, daß ihren Beschwerden nicht nachgegangen worden sei. Die bei ihr vorliegende Symptomatik sei aber eindeutig gewesen.

Das OLG hatte sich also, was diese Phase der Behandlung betrifft, mit der Frage zu befassen, ob derart eindeutige Beschwerden von seiten der Klägerin bei deren Krankenhausaufenthalt geklagt worden waren. Hierzu hat das Gericht festgestellt:

„… Die Beweisaufnahme hat nicht ergeben, dass die Beklagten während des Klinikaufenthalts der Klägerin grob fehlerhaft weitere Untersuchungen unterlassen haben.

Die Beweisaufnahme hat keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass die Klägerin gegenüber dem Beklagten oder gegenüber dem Stationsarzt geäußert hat, dass ihr Bein wie abgeschnürt sei.

Keiner der vor dem Landgericht vernommenen Zeugen hat eine entsprechende Äußerung der Klägerin wiedergegeben. Auch die Klägerin hat in ihrer persönlichen Anhörung vor dem Senat diese Äußerung nicht wiederholt sondern angegeben, dass sie gleich nach der Operation über ein Pelzigkeitgefühl und auch während des Klinikaufenthalts immer wieder darüber geklagt habe. Die Beklagten zu 1 und 2 gaben in ihrer Anhörung an, sich an derartige Äußerungen nicht erinnern zu können. Auch die Dokumentation in den Behandlungsunterlagen, die solche Äußerungen der Klägerin während des Klinikaufenthalts nicht enthalten, sprechen gegen entsprechende Klagen ihrerseits.

Das Landgericht hat zutreffend ausgeführt, dass die Klägerin damit nicht den Nachweis erbringen konnte, dass sie derartig schwerwiegende Beschwerden geschildert hat, dass das Unterlassen weiterer Untersuchungen unverständlich war. Es kann insoweit auf die zutreffende und überzeugende Beweiswürdigung des Landgerichts … verwiesen werden. Die Beklagten waren daher nicht verpflichtet, bis zum 17.11.1997 weitere Befunde zu erheben.“

Zudem ging das Oberlandesgericht davon aus, daß eine Untersuchung bis zum Entlassungstag (17.11.1997) nicht hinreichend wahrscheinlich einen Befund ergeben hätte, der seinerseits eine sofortige Reaktion erforderte, so daß auch insoweit keine Beweiserleichterung für die Klägerin durchgriff.

Auch diese Entscheidung des OLG München zeigt einmal mehr die Bedeutung der Beweislastverteilung im Zivilprozeß, wo selbst in solchen Fällen, in denen ggf. Behandlungsfehler gesehen werden könnten, oftmals eine Kausalität nicht nachweisbar ist, so daß diejenige Partei dann im Prozeß unterliegt, die hierfür beweisbelastet ist - im vorliegenden Fall also die Klägerin.

05.03.2009


Eine Seite zurück  Eine Seite vor

Verwandte Stichworte

Medizinrecht

Apothekenrecht

Arzthaftungsrecht

Vergaberecht

Krankenhausplanung / -finanzierung

Heilmittelwerberecht

Pharmarecht

Compliance-Beratung

Krankenhausrecht

Pflegerecht und Rehabilitationsrecht

Kooperationen im Gesundheitswesen

Medizinische Versorgungszentren

Krankenhaus-Entgeltrecht

Medizinprodukterecht

Psychotherapeuthenrecht

Gesellschaftsrecht

Chefarztrecht

Vertragsarztrecht

Zahnarztrecht

Arzneimittelrecht