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Maximalinvasive Operation statt kombinierter Chemo- und Strahlentherapie bei Verdacht auf Morbus Hodgkin stellt einen groben Behandlungsfehler dar

Das Oberlandesgericht (OLG) Naumburg hatte sich jüngst in einem Verfahren mit zwei interessanten Fragen zu beschäftigen: Zum einem mit der Frage, ob eine maximalinvasive Operation bei Verdacht auf Morbus Hodgkin einen Behandlungsfehler darstellt und zum anderen, ob ein die Operation ausführender Arzt sich auf die Diagnose des überweisenden Arztes verlassen darf, wenn ihm eine weitergehende Diagnostik mangels technischer Geräte unmöglich ist (OLG Naumburg, Urteil vom 29.04.2008, Az.: 1 U 19/07).

Dem Urteil des OLG Naumburg lag folgender Sachverhalt zugrunde, der sich im Gebiet der neuen Bundesländer zutrug:

Die Klägerin wurde im September 1991 nach Verdacht auf Morbus Hodgkin vom Krankenhaus V, dessen Rechtsnachfolgerin die Beklagte ist, operiert. Im Rahmen dieses Eingriffs wurde neben einem faustgroßen Mediastinaltumor u.a. auch der linke Lungenoberlappen entfernt, wobei es zur Verletzung der Stimmbänder kam. Im Anschluß an die Operation litt die Klägerin ferner unter einer chronischen Bronchitis und erhöhtem Infektionsrisiko.

Im Rahmen eines Schlichtungsverfahrens bei der Gutachterkommission der Ärztekammer kam der dortige Sachverständige zu dem Ergebnis, daß die Operation im Krankenhaus V unnötig gewesen sei und die hieraus resultierende Verminderung der Lungenfunktion der Klägerin, die heutige Infektionsneigung und die Stimmbandverletzung vermeidbar gewesen seien.

Dem Fall lag zudem die besondere Konstellation zugrunde, daß dem Krankenhaus V als behandelndem Krankenhaus keine Geräte für eine präoperative Diagnostik zur Verfügung standen und es daher lediglich die OP durchführte. Die vorherige Diagnose hatte das Krankenhaus L gestellt, welches als Lungenfachkrankenhaus geführt wurde. Der beim Krankenhaus V tätige Operateur und der diagnostizierende Arzt des Krankenhauses L hatten sich zwar vor dem Eingriff miteinander in Verbindung gesetzt; eine Überprüfung der Diagnose erfolgte jedoch aus vorab genannten Gründen nicht.

Nachdem die Klägerin vor dem Landgericht Magdeburg erstinstanzlich unterlag, wurde ihr in der Berufungsinstanz durch das OLG Naumburg ein Schmerzensgeld i.H.v. 60.000,00 € zugesprochen. Der Sachverständige stellte während des Gerichtsverfahrens im Ergebnis fest, daß es keine medizinische Indikation für die Operation gegeben habe und daß die Operation auch insgesamt fehlerhaft verlaufen sei. Bei der Diagnose Hodgkin Lymphon sei es in 80 % der Fälle möglich, eine Heilung durch Chemotherapie herbeizuführen. Eine Operation sei in derartigen Fällen in keinster Weise gerechtfertigt, was auch im Gebiet der neuen Bundesländer bekannt gewesen sei. Es gäbe bei diesem Krankheitsbild keinen Heilungserfolg durch chirurgische Eingriffe.

Das Gericht stellte ferner fest, daß der hinzugezogene Arzt im Rahmen des Überweisungsauftrages im gewissen Umfang eigenständige Pflichten übernehme. Er könne sich nicht darauf zurückziehen, daß er lediglich die Operation durchgeführt habe und eine weitergehende Diagnose ihm aufgrund technischer Einschränkungen nicht möglich gewesen sei. Es müsse stets vor einer Operation Sinn und Zweck geprüft werden und nicht allein aufgrund einer Überweisung gehandelt werden. In erster Linie habe der Operateur die Verantwortung für die von ihm durchgeführte Operation.

Diesem Ergebnis ist im Hinblick auf die Verantwortungsverteilung im Rahmen eines Überweisungsauftrages zuzustimmen. Der auf Überweisung tätige Arzt soll sich nicht darauf zurückziehen können, lediglich auf Überweisung eines anderen Arztes tätig geworden zu sein. Dies gilt insbesondere für Konstellationen, in denen die Überweisung/Einweisung durch einen fachgebietsfremden Arzt erfolgt.

25.08.2008


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