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Verdachtsdiagnose der Glutaracidurie – Diagnosefehler?

Jüngst hatte sich das Oberlandesgericht (OLG) Köln mit dem Fall eines vermeintlichen Diagnosefehlers zu befassen (Urteil vom 12.09.2007, Az.: 5 U 16/05). In dem zugrundeliegenden Sachverhalt war ein Kind im Alter von ca. sechs Monaten mit neurologischen Auffälligkeiten in eine Kinderklinik eingeliefert worden. Das Kind konnte den Kopf nicht mehr halten und zunehmend auch mit den Händen nicht mehr greifen. In der Ultraschalluntersuchung zeigte sich ein subduraler Erguß über beide Hemisphären. Ein CT zeigte eine ausgedehnte subdurale Blutung, vorwiegend links gelegen.

Nach Verlegung in die neurochirurgische Klinik erfolgten operative Anlagen externer Drainagen. Der Zustand des Kindes stabilisierte sich. Einen Monat nach Krankenhausentlassung stellte ein Radiologe die Verdachtsdiagnose auf eine Glutaracidurie Typ I, die sich auch bestätigte.

Kinderklinik und Neurochirurgie wurde nunmehr zur Last gelegt, daß sie die Diagnose einer Stoffwechselerkrankung nicht früher gestellt hätten. Es kam in der Folge auch zum Streit darüber, ob eine einige Monate frühere Behandlung die Symptomatik noch hätte aufhalten können. Bei dem Kind war eine Hirnschädigung eingetreten. Es leidet unter einem schweren tetraplastischen Syndrom mit Bewegungsstörungen und einer Störung der Mund- und Schlundmuskulatur; das Kind ist harn- und stuhlinkontinent. Es wurde ein Schmerzensgeldbetrag von mind. 250.000,00 € eingeklagt.

Landgericht (Urteil des LG Bonn vom 27.12.2004, Az.: 9 O 445/03) und nunmehr auch das OLG haben die entsprechende Klage abgewiesen. Nach sachverständiger Beratung verneinten die Gerichte das Vorliegen eines Behandlungsfehlers. Die Symptome Macrocephalus und subdurales Hämatom seien nicht wegweisend für die Verdachtsdiagnose einer Glutaracidurie, so daß die Ärzte eine weitere Abklärung nicht hätten betreiben müssen. Jedenfalls zum damaligen Zeitpunkt seien die Symptome keine Leitsymptome für das Vorliegen einer Stoffwechselerkrankung gewesen. Vielmehr hatten die vorliegenden Symptome auf ein Trauma und nicht auf eine Stoffwechselerkrankung hingedeutet.

Selbst wenn man weitere Symptome - wie Arachnoidalzysten, Temporallappenhypoplasie und Erweiterung der Sylvischen Furchen - mit in die Überlegungen einbezogen hätten, wäre hieraus nicht der Verdacht auf das Vorliegen einer Glutaracidurie erwachsen.

Wenn überhaupt, dann hätte bei Aufnahme des Kindes in die Kinderklinik allenfalls ein einfacher Diagnosefehler vorgelegen, der aber nicht zu Beweiserleichterungen führe, so daß der Kausalitätsnachweis für die eingetretenen Beschwerden von der Klägerin hätte geführt werden müssen und nicht geführt sei - insbesondere auch deswegen, weil schon bei der Erstaufnahme neurologische Symptome vorlagen.

Im Weiteren waren auch diejenigen Befunderhebungen durchgeführt worden, die erforderlich waren (Ultraschalluntersuchung, CT), so daß sich auch hieraus kein Raum für Beweiserleichterungen ergab.

Auch in der neurochirurgischen Klinik sah das Gericht keinen Behandlungsfehler realisiert, weil ein Urinscrenning zur Sicherung der Diagnose einer Stoffwechselerkrankung nicht angezeigt war. Diesbezüglich hatte der gerichtliche Sachverständige ausgeführt, „daß die Neurochirurgen in der sich ihnen stellenden Situation nicht an eine Glutaracidurie denken mußten“.

Dies bedeutet für den vorliegenden Fall, daß von Seiten des Gerichts schon das Vorliegen eines Behandlungsfehlers verneint wurde, jedenfalls aber die Klägerin keinen Nachweis zur Kausalität eines solchen für die eingetretenen Gesundheitsbeeinträchtigungen liefern konnte.

Die Entscheidung des OLG Köln zeigt einmal mehr, daß die Bedeutung der medizinischen Sachverständigen in Verfahren erheblich ist, gerade wenn es um die Darstellung des Standards einer Behandlung geht, die längere Zeit zurückliegt. Hier müssen die schriftlichen Gutachten der Sachverständigen sowie die Aussagen in einer mündlichen Verhandlung daraufhin überprüft werden, ob der Sachverständige von dem Standard zum damaligen Zeitpunkt der Behandlung ausgegangen ist. Nur insoweit könnte ja dem beklagten Arzt bzw. Krankenhaus auch ein Vorwurf der Abweichung gemacht werden.

24.06.2008


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