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Versuch einer Schultereinrenkung ohne gesicherte Diagnose stellt einen elementaren Verstoß gegen Grundregeln ärztlicher Heilkunst dar

Das Landgericht (LG) Köln hatte sich jüngst mit einer Schultereinrenkung an einem zehnjährigen Jungen zu beschäftigen, die ohne gesicherte Diagnose durchgeführt worden war (Urteil vom 12.03.2008, Az.: 25 O 123/05).

Das Kind stürzte im Mai 2002 von der Rutsche eines Kinderspielplatzes und erlitt einen Bruch des linken Oberarms. Es klagte danach über Schmerzen im linken Arm und wurde von seinen Eltern ins Kinderkrankenhaus gebracht. Der linke Unterarm des Kindes wurde geröntgt und durch den behandelnden Arzt als unauffälliger Befund bewertet. Eine Röntgenaufnahme des Oberarms wurde nicht gefertigt. Es folgte die Empfehlung zur Wiedervorstellung nach zwei Wochen.

Da die Schmerzen im Arm des Jungen allerdings nicht nachließen, suchte dieser vier Tage später seinen Kinderarzt auf. Dieser verordnete zunächst ein paar Tage Schonung und überwies den Kläger nach erneuter Vorstellung zwei Tage später wieder an das Kinderkrankenhaus, in dem der Junge bereits behandelt worden war. Auch diesmal wurde keine Röntgenaufnahme des Oberarms angefertigt. Als der Kläger sich erneut beim Kinderarzt vorstellte, versuchte dieser, ohne vorher eine Luxation diagnostiziert zu haben, die Schulter des Kindes einzurenken. Dabei entstanden diesem erhebliche Schmerzen. Bei dem nächsten Krankenhausbesuch wurde nach einer Röntgenuntersuchung eine subkapitale Humerusfraktur des linken Oberarms diagnostiziert, die bereits in 30-Grad-Stellung schief zusammengewachsen war.

Der Kläger beantragte nun im Verfahren u.a. ein angemessenes Schmerzensgeld, welches mindestens 30.000,00 € umfassen sollte. Das LG Köln hielt die Klage für begründet und sprach dem Jungen ein Schmerzensgeld von 4.000,00 € zu.

Das Gericht führte hinsichtlich der unterlassenen Röntgenuntersuchung des Oberarms aus, daß eine Extremität bei Kindern bei allen funktionellen Untersuchungen sorgsam durchzuprüfen sei. Dies ergebe sich daraus, daß es schwierig sei, von einem verängstigten Kind die genaue Schmerzlokalisation zu erfahren.

Hinsichtlich der versuchten Schultereinrenkung führte das Gericht aus, daß der Versuch der Reposition ohne eine gesicherte Diagnose einer Luxation ein elementarer, eindeutiger Verstoß gegen anerkannte und grundlegende Regeln der ärztlichen Kunst sei, die einem Arzt schlechterdings nicht unterlaufen dürfe. Das Vorgehen sei absurd und erscheine geradezu als „Verzweiflungstat“.

Da der Bruch letztlich aber ohne Schiefstellung wieder zusammengewachsen war, ging es nur um die Kompensation der erlittenen Schmerzen, für die das Gericht den ausgeurteilten Betrag für angemessen angesehen hat.

Es handelt sich hierbei um eine Entscheidung, die deutlich macht, daß die diagnostischen und therapeutischen Schwierigkeiten bei der Behandlung von Kindern mit einem erhöhten Sorgfaltsmaßstab einhergehen können, insbesondere bei der Lokalisation von Schmerzen, die – wie wohl jeder Arzt weiß, der sich mit dieser Schwierigkeit in seiner Praxis einmal konfrontiert gesehen hat – oftmals diffus und wenig zielführend geschildert werden. Gerade diesen Schwierigkeiten muß dann aber vom Arzt – wie dies auch die besprochene Entscheidung nahelegt – mit besonderer Umsicht und Sorgfalt begegnet werden.

29.05.2008


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