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Beweislastumkehr bei der verzögerten Feststellung eines Prostatakarzinoms

Grundsätzlich muß der Patient dem Arzt einen Behandlungsfehler sowie den hieraufhin eingetretenen Schaden im Zivilprozeß nachweisen. Mit einem Fall der sogenannten Beweislastumkehr hatte sich jüngst das Pfälzische Oberlandesgericht (OLG) Zweibrücken zu befassen (Urteil vom 20.11.2007, Az.: 5 U 16/05).

Der Kläger des Verfahrens, der selbst Urologe im Ruhestand ist, begab sich in ein Krankenhaus, um hier eine gutartige Vergrößerung der Prostata (sog. benigne Prostatahyperplasie) behandeln zu lassen. In den Folgejahren war er in ambulanter urologischer Behandlung, wo regelmäßig der PSA-Wert kontrolliert wurde. Dieser lag in den Jahren von 1998 bis 2001 zwischen 8 und 10, wobei im Sommer 2001 ein freies PSA von 1,1 festgestellt wurde.

Aufgrund von Miktionsbeschwerden wurde Ende 2001 ein 158 g schweres Adenom entfernt, dessen histologische Untersuchung ein Prostatakarzinom im Stadium pT1a mit einem Gleason-Score von 5 ergab.

Nachdem der Kläger auf eigenen Wunsch das Krankenhaus verlassen hatte, wurden die PSA-Werte weiter kontrolliert. Knapp ein Jahr später fand bei steigendem PSA-Werten eine radikale Prostatektomie mit Lymphknotenausräumung statt. Es schloß sich eine stationäre strahlentherapeutische Behandlung an.

Fraglich war, wie die Beweislastverteilung vorliegend zu bewerten war. Die Frage einer Kausalität des ärztlichen Handels für den Eintritt eines ungünstigen Verlaufs ist nämlich häufig schwierig zu beurteilen, so daß die Weichenstellung für ein Obsiegen oder Unterliegen im Prozeß durch die Frage vorgenommen wird, wer diese Kausalität (positiv bzw. negativ) zu beweisen hat.

Dabei ist das Gericht vorliegend davon ausgegangen, daß eine weiterführende Diagnostik in Form der Bestimmung des freien PSA-Wertes und der Prostatabiopsie vor Durchführung der Teil-Adenomektomie im Dezember 2001 notwendig gewesen wäre.

Gerade weil hier ein operatives Vorgehen ins Auge gefaßt worden war, hätte vor der Durchführung des Eingriffes ein Prostatakarzinom ausgeschlossen werden müssen, weil sich hieraus eine Konsequenz für das therapeutische Behandeln ergeben hätte. Obwohl es auch vom Gericht als nicht bewiesen angesehen worden ist, „zu welchem Ergebnis eine solche weiterführende Diagnostik geführt hätte, wie die Reaktion auf einen etwa erhobenen, positiven Befund ausgesehen hätte und ob eine solche Reaktion letztlich zu einer Heilung der Erkrankung des Klägers geführt hätte“, gingen diese Zweifel zu Lasten des Beklagten, weil das Gericht die Grundsätze der Beweislastumkehr angewendet hat - dies auf der Grundlage der gängigen Rechtsprechung, daß ein Fall der Beweislastumkehr einer Kausalität des Behandlungsfehlers für den eingetretenen Schaden dann eingreift, „wenn der zu erhebende Befund mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ein positives und deshalb aus medizinischer Sicht reaktionspflichtiges Ergebnis gehabt hätte und wenn die Verkennung des Befundes oder die Nichtreaktion darauf nur durch einen groben Diagnose- oder Behandlungsfehler zu erklären wäre“. Diese Voraussetzungen waren hier relativ zweifelsfrei zu bejahen, weil mit einer ausreichenden Wahrscheinlichkeit die frühere Durchführung einer Biopsie im Ergebnis ein Prostatakarzinom bestätigt hätte.

Wäre aber auf die Diagnose eines Prostatakarzinoms mit der Vornahme einer Teilresektion reagiert worden, so hätte es sich dabei (hypothetisch) um einen groben Behandlungsfehler gehandelt, so daß aus Gründen der Beweislastumkehr der Arzt den Nachweis hätte führen müssen, daß ein nämlicher Verlauf auch dann eingetreten wäre, wenn eine Hormontherapie oder Totalresektion bereits im Dezember 2001 erfolgt wäre. Ein derartiger Nachweis war nicht zu führen, so daß das OLG den Arzt zur Zahlung von Schadensersatz und Schmerzensgeld verurteilt hat.

Dieses Urteil zeigt einmal mehr, daß durch die Frage nach der Beweislastverteilung im Zivilprozeß die Weichen für eine Entscheidung gestellt werden, weil der Nachweis, daß ein bestimmtes Ereignis auch eingetreten wäre, wenn eine abweichende ärztliche Entscheidung getroffen worden wäre, häufig nicht zu führen ist. Derartige Fälle der Beweislastumkehr werden insbesondere dann angenommen, wenn eine ärztliche Entscheidung als grob behandlungsfehlerhaft zu bezeichnen ist, so daß sie schlechterdings nicht unterlaufen darf oder - wie hier - weitergehende Untersuchungen unterlassen wurden, die ein Ergebnis gehabt hätten, welches dann seinerseits eine bestimmte ärztliche Intervention notwendig gemacht hätte.

06.03.2008


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