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Schmerzensgeld für eine durch Falschbehandlung ausgelöste Verzögerung des Heilungsprozesses

Das Oberlandesgericht (OLG) Naumburg hatte sich Ende 2007 mit der Frage zu beschäftigen, ob ein Schmerzensgeld in Höhe von EUR 10.000,00 bei fehlerhafter unfallchirugischer Behandlung, die zu einer Verzögerung der Wundheilung um 21 Monate führte, angemessen ist (Urteil vom 01.11.2007, AZ.: 1 U 59/07).

Der Kläger erlitt einen Unfall und zog sich dabei einen Trümmerbruch im Bereich des Schien- und Wadenbeins zu. Daraufhin begab er sich zur unfallchirugischen Versorgung dieser Verletzungen bei den Ärzten des Beklagten in Behandlung.

Dabei traten diverse Behandlungsfehler auf. So wurde zunächst eine falsche, weil geringere Heilungschancen versprechende, Methode gewählt. Diese Methode wurde darüber hinaus noch fehlerhaft ausgeführt, indem eine zur Stabilisierung ausgewählte Knochenplatte zu kurz war und zudem noch an einer zertrümmerten Knochenstelle befestigt wurde. Ferner war entgegen dem Standard einer fachchirurgischen Behandlung die stabile Wiederherstellung des Wadenbeins unterlassen worden. In einer weiteren Operation wurde die Bruchzone unzureichend stabilisiert, so dass die Herausbildung eines falschen Gelenks gefördert wurde, dessen Beseitigung den Heilungsprozeß erheblich verzögerte. Den laienhaften Fragen und Bedenken des Klägers wurde mit Ignoranz und Gleichgültigkeit begegnet. Psychisch belastend waren für den Kläger die bei Bewerbungsgesprächen oder gegenüber seiner Krankenkasse häufig zu beantwortenden Fragen zur überdurchschnittlichen Dauer des Heilungsprozesses. Dem Kläger wurde in erster Instanz vor dem Landgericht Halle ein Schmerzensgeld in Höhe von EUR 10.000,00 zugesprochen. Gegen diese Entscheidung legte der Kläger Berufung ein.

Das OLG Naumburg bestätigte jedoch die Entscheidung des Landgerichts. Es führte aus, dass für die Bemessung des Schmerzensgeldes die sog. Ausgleichsfunktion im Vordergrund stehe. Hierfür komme es auf das Maß der Lebensbeeinträchtigung des Geschädigten an. Der Kläger habe infolge der medizinischen Falschbehandlung hinnehmen müssen, dass sich der Heilungsprozeß nicht sechs bis neun Monate, sondern auf fast zweieinhalb Jahre ausdehnte. Dazu seien zusätzliche ärztliche Behandlungen, Schmerzen und psychische Beeinträchtigungen wie das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht gekommen.

Der Vergleich mit anderen gerichtlichen Entscheidungen dieser Art ließe die Entscheidung der Kammer in erster Instanz nicht als fehlerhaft oder unvertretbar erscheinen. Es sei darauf hinzuweisen, dass die nationale Rechtsprechung bei der Bemessung der Höhe eines Schmerzensgeldes insgesamt einen sehr zurückhaltenden Ansatz verfolge. Ein vollständiger Ausgleich aller Leiden sei allein durch finanzielle Zuwendungen ohnehin nicht zu erreichen. Bei der Abwägung werde allerdings auch berücksichtigt, dass eine im Einzelfall patientengünstigere Rechtsprechung letztlich zu einer Kostensteigerung jeder Heilbehandlung führen würde. Jeder Arzt und jeder Träger medizinischer Behandlungen würde dann einer umfangreichen Berufshaftpflicht bedürfen, deren Kosten auf den Patienten umzulegen wären.

Für den vorliegenden Fall sei bei Bestimmung der Schmerzensgeldhöhe insbesondere zu berücksichtigen gewesen, dass der Trümmerbruch des linken Unterschenkels im Bereich des Schien- und Wadenbeins selbst und dessen Auswirkungen nicht auf den Behandlungsfehler der Ärzte des Beklagten, sondern auf den vorangegangenen Unfall zurückzuführen sei. Dieser Umstand sei durch einen bestimmten „Abschlag“ zu berücksichtigen gewesen. Ferner habe der zur Fehlgelenksbildung geführte Behandlungsfehler keinen dauerhaften Körperschaden verursacht.

Diese Entscheidung verdeutlicht anschaulich, welche Erwägungen und Kriterien der Bemessung der Höhe eines Schmerzensgeldanspruchs im Einzelfall zugrunde liegen können, wie sie regelmäßig zur gerichtlichen Entscheidung anstehen.

18.02.2008


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