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Grober Behandlungsfehler bei Verwendung von Palladium trotz bekannter Allergie

Der eine prothetische Versorgung durchführende Zahnarzt muß die Verwendung von Materialien vermeiden, gegen die der Patient allergisch ist. Dies gilt jedenfalls dann, wenn der Patient den Behandler durch Übergabe eines Allergiepasses auf eine entsprechende Allergie hingewiesen hat. Benutzt der Zahnarzt dennoch eine Legierung die ein Metall enthält gegen welches der Patient allergisch ist, so liegt ein grober Behandlungsfehler vor. Dieser grobe Behandlungsfehler führt zu einer Beweislastumkehr für den ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Behandlungsfehler und dem Gesundheitsschaden (OLG Oldenburg, Urteil vom 04.07.2007, Az.: 5 U 31/05).

Das Oberlandesgericht (OLG) hatte sich mit einem Sachverhalt auseinanderzusetzen, bei dem die Patientin vor der prothetischen Versorgung einen Allergiepass übergeben hatte, aus dem sich eine Palladium-Allergie der Patientin ergab. Dennoch hatte der Behandler eine Legierung benutzt, die 36,4 % Palladium enthielt.

Die Vorinstanz hatte noch eine Haftung mit dem Argument abgelehnt, der Patientin sei der Nachweis der Kausalität zwischen der Verwendung der Legierung und ihren Beschwerden nicht gelungen.

Das OLG ging jedoch davon aus, daß es aus objektiver Sicht nicht mehr verständlich sei, bei einer Patientin eine palladiumhaltige Legierung zu verwenden, die von einer diesbezüglichen Allergie berichtet habe. Damit nahm das Gericht das Vorliegen eines groben Behandlungsfehlers an.

Die Folge eines solchen groben Behandlungsfehlers ist, daß sich die Beweislast auf die Behandlungsseite verlagert, wenn nicht jeglicher haftungsbegründende Ursachenzusammenhang zwischen dem groben Behandlungsfehler und dem Schaden äußerst unwahrscheinlich ist bzw. ein allenfalls theoretisch denkbarer Zusammenhang besteht. Die Beweislast für die Ausnahme von der Beweislastumkehr trifft die Behandlerseite.

Die Besonderheit des vorliegenden Falls lag darin, daß den Beklagten für nahezu alle von der Klägerin behaupteten Beeinträchtigungen der Beweis der Ausnahmekonstellation gelangt. So hatte die Klägerin verschiedenste Beschwerden in das Verfahren eingeführt, hinsichtlich derer der beauftragte Sachverständige einen Ursachenzusammenhang ausdrücklich ausgeschlossen hatte (Refluxoesophagitis, lagerungsabhängiger Schwindel, bakterielle Urocystitis mit Nephropathie, viraler grippaler Infekt, Karpaltunnelsyndrom, bakterielle Konjunktivitis sowie Bandscheibenprotrusion).

Auch verschiedene weitere Beschwerden wurden zwar nachgewiesen, ein Ursachenzusammenhang jedoch für äußerst unwahrscheinlich gehalten. Hinsichtlich dieser Beschwerden greift daher die Beweislastumkehr zu Lasten des Behandlers ebenfalls nicht ein.

Zurechnen lassen muß sich der Beklagte jedoch die untypische kontaktallergische Erkrankung von Haut und Schleimhaut. Bei der Klägerin zeigten sich Bläschen an den Lippen, Stippen auf der Schleimhaut, Zahnfleischentzündung und Hautausschläge im Gesicht. Diese Beschwerden stellten sich zwei Tage nach der streitgegenständlichen Behandlung ein und dauerten für ca. zwei Wochen an. Zwar ging insoweit der Sachverständige davon aus, daß diese Beschwerden eher eine infektbedingte Begleitsymptomatik darstellten. Da insoweit jedoch der Behandler nicht nachweisen konnte, daß ein Ursachenzusammenhang äußerst unwahrscheinlich ist, griff die Beweislastumkehr.

Das Gericht sprach der Klägerin daraufhin ein Schmerzensgeld i.H.v. 1.000,00 € sowie weiteren materiellen Schadensersatz i.H.v. 1.388,48 € zu.

An dieser Stelle soll jedoch nicht verschwiegen werden, daß die Klägerin ein Schmerzensgeld i.H.v. 45.000,00 € sowie Schadensersatz i.H.v. rd. 35.000,00 € begehrte, hiermit jedoch mangels Nachweis der Kausalität im Ergebnis scheiterte.

10.10.2007
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RA Jens-Peter Jahn
RA Jens-Peter Jahn Zoom

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