Medizinrecht Aktuell -- Ihr Informationsportal rund um Medizinrecht.
Ein Informationsdienst der Kanzlei Dr. Halbe RECHTSANWÄLTE - Arztrecht / Medizinrecht

Abklärung des Verdachts auf einen hohen Blasensprung

Das Landgericht (LG) Münster hatte jüngst über das medizinische Vorgehen zu entscheiden (Urteil vom 05.07.2007, Az.: 11 O 1046/06), wenn eine Schwangere unter dem Verdacht eines hohen Blasensprunges vom niedergelassenen Frauenarzt in die Klinik geschickt wird. Dort wurde dann (nur) eine vaginale Untersuchung sowie eine Sonographie durchgeführt, die im Wesentlichen unauffällig gewesen war. Die Patientin wurde am Folgetag wieder entlassen.

Nur vier Tage später wurde die Schwangere erneut stationär in dem Krankenhaus aufgenommen. Es kam dann gut zwei Stunden später zur Kaiserschnitt-Entbindung eines Kindes, welches an einer periventrikulären Leukomalazie litt. Hierbei fiel eine psychomotorische Retardierung, eine Muskelhypotonie, eine beinbetonte spastische Zerebralparese, eine Entwicklungsverzögerung sowie eine Beeinträchtigung der Sehfähigkeit auf einem Auge auf. Die weitere Entwicklung des Kindes kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht abgeschätzt werden.

Von Seiten der Klägerin war in dem Verfahren das Vorliegen einer Schadensersatzpflicht des Krankenhauses u.a. damit begründet worden, daß hier am 15.01.2001 weitergehende Untersuchungen zur Abklärung eines hohen Blasensprunges hätten durchgeführt werden müssen, nämlich ein Lackmus-Test, eine Amni-Check-Untersuchung sowie ein Bromthymol-Test.

Dies sah das LG genau so. Gerade die Amni-Check-Untersuchung weise eine hohe Sicherheit auf, dem Verdacht auf einen hohen Blasensprung nachzugehen. Alle drei Untersuchungen gehörten zum standardmäßig durchzuführenden Untersuchungsprogramm, wenn ein derartiger Verdacht bestätigt oder ausgeschlossen werden sollte.

Problematisch war nun noch die Frage der Beweislastverteilung hinsichtlich der Ursachenzusammenhangs. Hier ist das Gericht das Vorliegen einer Beweislastumkehr ausgegangen, so daß das Krankenhaus hätte darlegen müssen, daß die entsprechende zeitliche Verzögerung der Entbindung von immerhin vier Tagen sich nicht ursächlich für den Gesundheitszustand des Kindes bei der Geburt ausgewirkt hat. Ein derartiger Nachweis ist dem Krankenhaus jedoch nicht gelungen.

Das Gericht kam zu einer derartigen Beweislastumkehr, weil es die Unterlassung des Krankenhauses zur Durchführung weitergehender Untersuchungen als groben Behandlungsfehler eingestuft hat; die Unterlassung sei also „schlechthin unverständlich“ und dürfe „einem Facharzt bzw. einer Fachabteilung in einem Krankenhaus schlechterdings nicht unterlaufen“. Damit war der Weg gebahnt, hinsichtlich der Frage der Kausalität die entsprechende Beweislast dem Krankenhaus aufzuerlegen. Da der Nachweis einer fehlenden Kausalität hier der Beklagten nicht gelungen ist, ist das Krankenhaus entsprechend verurteilt worden, alle bereits entstandenen und künftigen materiellen und immateriellen Schäden zu ersetzen, die aus der ärztlichen Behandlung dort resultiert sind. Die Klage hatte insoweit Erfolg.

Sie ist nur zu einem Teil abgewiesen worden, der die Geschehnisse bei der dann stattgehabten Entbindung selbst betrafen. Auf diese Frage kam es aber letztlich überhaupt nicht mehr an, weil die Klage bereits aus den vorstehenden Gründen in vollem Umfange erfolgreich war.

22.08.2007


 Eine Seite vor

Verwandte Stichworte

Medizinrecht

Apothekenrecht

Arzthaftungsrecht

Vergaberecht

Krankenhausplanung / -finanzierung

Heilmittelwerberecht

Pharmarecht

Compliance-Beratung

Krankenhausrecht

Pflegerecht und Rehabilitationsrecht

Kooperationen im Gesundheitswesen

Medizinische Versorgungszentren

Krankenhaus-Entgeltrecht

Medizinprodukterecht

Psychotherapeuthenrecht

Gesellschaftsrecht

Chefarztrecht

Vertragsarztrecht

Zahnarztrecht

Arzneimittelrecht