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Diagnosefehler gleich Behandlungsfehler?

Nicht jeder Diagnosefehler ist auch gleichzeitig ein haftungsbegründender Behandlungsfehler. Dies entspricht der ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) und wurde jüngst durch ein Urteil des OLG München vom 19.10.2006, Az.: 1 U 2149/06 bestätigt.

Der zum Zeitpunkt des Vorfalls 34 Jahre alte Kläger klagte über Schwindel und Übelkeit. Ferner litt er an Durchfall und Erbrechen, woraufhin seine Ehefrau den ärztlichen Notdienst verständigte.

Dem beklagten Arzt wurden Schmerzen im Brustbereich des Klägers geschildert und er wurde darauf hingewiesen, daß in der Familie des Klägers eine Herzinfarktgefährdung bestehe. Nachdem der Arzt dem Kläger zur Senkung des bekanntermaßen hohen Blutdrucks ein Medikament verabreichte, übergab sich dieser erneut, woraufhin das Medikament Dolantin verabreicht wurde. Während der Anwesenheit des Arztes mußte der Kläger zweimal wegen Durchfalls und Erbrechens die Toilette aufsuchen. Der beklagte Arzt diagnostizierte daraufhin einen Infekt. Auf dem Notfallprotokoll vermerkte er grippaler Infekt, Interkostalneuralgie, Diarrhöe. Die Frage, ob er ins Krankenhaus gehen wolle, verneinte der Kläger.

Im Laufe des Tages kam es zu einer deutlichen Zustandsverschlechterung, die in einem Atem- und Kreislaufstillstand gipfelte. Nach erfolgreicher Wiederbelebung kam es zu Hirnschäden. Nachdem der Kläger in das Krankenhaus eingeliefert wurde, stellte man einen akuten Hinterwandinfarkt fest.

Nach den Feststellungen des Sachverständigen ging der Senat zwar davon aus, daß die Diagnose des beklagten Arztes objektiv falsch war. Der Herzinfarkt hatte sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits ereignet.

Dieser Irrtum begründet jedoch nach Auffassung des Gerichts keinen Pflichtverstoß. So ist die höchstrichterliche Rechtsprechung bei der Einordnung von Diagnoseirrtümern als Behandlungsfehler sehr zurückhaltend. Diagnosefehler sind oftmals nicht die Folge eines vorwerfbaren Versehens des Arztes, da die Symptome einer Erkrankung nicht immer eindeutig sind, sondern – nicht zuletzt auch wegen der Unterschiedlichkeiten des menschlichen Organismus – auf die verschiedensten Ursachen hinweisen können. Dieser Gesichtspunkt greift allerdings dann nicht, wenn Symptome vorliegen, die für eine bestimmte Erkrankung kennzeichnend sind, vom Arzt aber nicht ausreichend berücksichtigt werden. Auch kann sich die Frage nach einem ärztlichen Fehlverhalten dann stellen, wenn der behandelnde Arzt ohne vorwerfbare Fehlinterpretation von den Befunden eine objektiv unrichtige Diagnose stellt und diese darauf beruht, daß der Arzt eine notwendige weitere Befunderhebung unterlassen hat.

Da jedoch vorliegend alle Sachverständigen die Diagnose des Beklagten (Magen-Darmgrippe verbunden mit einer Interkostalneuralgie) aus der maßgeblichen ex ante Sicht, für vertretbar gehalten haben und das Alter des Klägers einen Infarkt sehr unwahrscheinlich machte, nahm das Gericht im Ergebnis weder einen vorwerfbaren Diagnose- noch einen Befunderhebungsfehler an, so daß die Klage abgewiesen wurde.

28.03.2007
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RA Jens-Peter Jahn
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