Medizinrecht Aktuell -- Ihr Informationsportal rund um Medizinrecht.
Ein Informationsdienst der Kanzlei Dr. Halbe RECHTSANWÄLTE - Arztrecht / Medizinrecht

Prozedere bei Colitis ulcerosa

Bei chronischen Erkrankungen ist die Therapie oftmals schwierig, so auch bei der Behandlung der Colitis ulcerosa. Mit dem diesbezüglichen Standard hatte sich jüngst das Oberlandesgericht (OLG) München zu befassen (Urteil vom 03.08.2006, Az.: 1 U 5775/05).

Der Kläger des dortigen Verfahrens leidet seit mehr als 20 Jahren an einer Colitis ulcerosa und war zunächst in internistischer Behandlung. Trotz dieser Therapie traten wiederholt Krankheitsschübe auf. Im Rahmen einer Spiegelung zeigte sich an einem Teil des Darms ein Krankheitsbefall, wobei der Chirurg eine Indikation zur operativen Teilentfernung des befallenen Darmabschnittes sah. An dem entfernten Darmabschnitt zeigte sich bei der histologischen Untersuchung kein Anhalt für eine Krebserkrankung.

Der Kläger war in diesem Verfahren, welches nunmehr von dem OLG zu entscheiden war, der Auffassung, die Operation sei nicht indiziert gewesen, vielmehr hätte eine Therapie der Krankheit medikamentös auch weiter erfolgen können oder man hätte alternativ den gesamten Darm entfernen müssen, um jeglichem Rezidiv vorzubeugen. Durch die Teilentfernung des Darms wäre erst die Möglichkeit geschaffen worden, daß eine Ausbreitung der Erkrankung auf bislang gesunde Darmabschnitte stattfinden könne.

Der Kläger hat in dem Verfahren vorgetragen, er habe der Operation nur zugestimmt unter der Vorstellung, daß er danach geheilt wäre, nicht aber „um ein etwaiges Krebsrisiko auszuschließen“.

Die Beklagten sind dieser Einschätzung entgegengetreten. Es habe eine Indikation zur Operation sowie eine ordnungsgemäße Aufklärung vorgelegen.

Von seiten des internistischen Beklagten sei schon überhaupt keine Operationsentscheidung getroffen worden, sondern lediglich eine Vorstellung beim Chirurgen erfolgt. Der aufklärende Chirurg habe dem Patienten ausführlich über die Möglichkeiten informiert, der Operateur habe schließlich die Indikation für die konkrete Operation nach Durchführung einer Enddarmspiegelung gestellt.

Nachdem die Kammer des Landgerichts die Klage in erster Instanz abgewiesen hatte, hat der Kläger nunmehr im Wege der Berufung sein Anliegen weiter betrieben. Jedoch hat auch das OLG die Klage als unbegründet angesehen.

Hierzu hat das Gericht ausgeführt, daß „aus medizinischer Sicht die Voraussetzungen für eine Darmoperation im April 1995 gegeben waren“. Als Gründe für die Indikation sah das Gericht neben der Anamnese des Patienten das erhöhte Risiko für ein Malignom aufgrund der ständigen Entzündungen in der Darmschleimhaut an, wobei es für das Bestehen einer solchen Indikation nicht notwendig sei, daß sich der Verdacht eine Malignoms auch nach der Entfernung bestätige. Insoweit ging das OLG konform mit den Ausführungen des in der ersten Instanz bestellten Sachverständigen, der die Krankheit des Klägers zu dieser Zeit als „nicht mehr hinreichend medikamentös behandelbar“ ansah.

Des weiteren ging das Gericht von einer stattgehabten Aufklärung auch über verschiedene Behandlungsalternativen aus. Jedenfalls über die konservativen und operativen Möglichkeiten war der Kläger zum Zeitpunkt seiner Entscheidung umfassend informiert, so daß er – was Behandlungsalternativen anging – sich nicht im Prozeß darauf berufen konnte, eine entsprechende Aufklärung sei nicht erfolgt.

Die Aufklärung war allerdings – nach Ansicht des Gerichts – hinsichtlich der Risiken für einen abschließenden Befall anderer Darmabschnitte bei Entfernung nur eines Teiles des Darms unzureichend. Diesbezüglich hätte es aber der Kläger im Verfahren plausibel machen müssen, „daß er bei ordnungsgemäßer Aufklärung auch über diesen Aspekt ernsthaft eine der anderen Behandlungsalternativen erwogen hätte“. Ein solcher Nachweis, daß der Kläger sich bei ordnungsgemäßer Aufklärung in einem echten Entscheidungskonflikt befunden hätte, ist dem Kläger des hiesigen Verfahrens aber nicht gelungen.

Selbst wenn er Kenntnis davon gehabt hätte, daß sich die Colitis ulcerosa an anderen Darmabschnitten manifestieren könne, so resultiere hieraus kein Entscheidungskonflikt. Andere Behandlungsalternativen hätten nämlich wesentlich geringere Erfolgsaussichten gehabt als die operative Behandlung, so daß es insoweit schon wenig plausibel erscheine, daß sich der Kläger damals anders entschieden hätte. Die vollständige Entfernung des Darms als Alternative komme nämlich angesichts der erheblichen Belastung gerade durch die Anlage eines künstlichen Darmausgangs regelmäßig für Patienten nicht in Betracht und war auch – wie der beklagte Chirurg ausgeführt hat – von dem Kläger, der als Gastwirt tätig war, vor der Operation abgelehnt worden.

Auch insoweit hat sich die komplette Entfernung des Darms nicht als echte Alternative für den Kläger dargestellt, so daß er auch bei einer weitergehenden Aufklärung vor dem Eingriff sich nicht in einem Entscheidungskonflikt befunden hätte.

Die Entscheidung des OLG München verdeutlicht den Einzelfallbezug von arzthaftungsrechtlicher Rechtsprechung, deren Ergebnis oftmals von den medizinischen Sachverständigen in die eine oder andere Richtung vorgegeben wird. Hier ist gerade hinsichtlich einer stattgehabten Aufklärung jedem Arzt nur anzuraten, diese detailliert zu dokumentieren.

22.03.2007


Eine Seite zurück  Eine Seite vor

Verwandte Stichworte

Medizinrecht

Apothekenrecht

Arzthaftungsrecht

Vergaberecht

Krankenhausplanung / -finanzierung

Heilmittelwerberecht

Pharmarecht

Compliance-Beratung

Krankenhausrecht

Pflegerecht und Rehabilitationsrecht

Kooperationen im Gesundheitswesen

Medizinische Versorgungszentren

Krankenhaus-Entgeltrecht

Medizinprodukterecht

Psychotherapeuthenrecht

Gesellschaftsrecht

Chefarztrecht

Vertragsarztrecht

Zahnarztrecht

Arzneimittelrecht