Medizinrecht Aktuell -- Ihr Informationsportal rund um Medizinrecht.
Ein Informationsdienst der Kanzlei Dr. Halbe RECHTSANWÄLTE - Arztrecht / Medizinrecht

Diagnosefehler als grober Behandlungsfehler?

Nicht jede Fehldiagnose stellt einen Behandlungsfehler dar. Jüngst hatte sich das Oberlandesgericht (OLG) Koblenz mit der Frage zu befassen, ob die falsche Diagnose eines Unfallchirurgen einen groben Behandlungsfehler darstellt (Urteil vom 31.08.2006, Az.: 5 U 588/06).

In dem dortigen Verfahren hatte die Patientin einen Unfallchirurgen aufgesucht, nachdem sie auf die linke Hand gestürzt und sich am Ringfinger verletzt hatte. Eine Absprengung der palmaren Basiskante im Mittelglied des Ringfingers sowie eine Subluxation des Mittelgliedgelenks hatte der beklagte Arzt auf dem von ihm angefertigten Röntgenbild übersehen.

Statt einer sofortigen Operation wurde daher zunächst eine konservative Therapie veranlaßt und erst mit einer zeitlichen Verzögerung von einigen Monaten eine entsprechende Versteifung des Gelenks vorgenommen.

Die Patientin machte in dem Verfahren Schmerzensgeld sowie einen Haushaltsführungsschaden geltend, weil sie selbst über einen Zeitraum von mehr als sieben Monaten ihren Haushalt nicht habe führen können.

Das Landgericht hat in erster Instanz den Schmerzensgeldanspruch der Klägerin bestätigt, war aber im Hinblick auf den Haushaltsführungsschaden zu dem Ergebnis gelangt, daß ein entsprechender Anspruch der Klägerin nicht zustünde. Dieser Bewertung hat sich nunmehr das OLG angeschlossen.

Obwohl der Unfallchirurg zweifelsfrei die Röntgenaufnahme falsch beurteilt hatte, so stellte sich anschließend die Frage nach einem Kausalzusammenhang zwischen Behandlungsfehler und hieraufhin entstandenem Schaden, was dann eine besondere Bedeutung erlangt, wenn die Frage nach einer Kausalität nicht zweifelsfrei beantwortet werden kann, so daß sich das Problem stellt, zu wessen Lasten eine entsprechende Beweislastverteilung für den – hier gegebenen – Fall der Unaufklärbarkeit der Kausalität geht.

Beim einfachen Behandlungsfehler obliegt ein derartiger Nachweis der Kausalität dem Patienten, so daß grundsätzlich die Klägerin des hiesigen Verfahrens die Tatsache zu beweisen hatte, eine Wiederherstellung der Beweglichkeit des Gelenks hätte bei einer frühzeitigen Operation erreicht werden können.

Da der Klägerin dieser Nachweis nicht in dem Verfahren gelang, hätte eine abweichende gerichtliche Entscheidung nur dann ergehen können, wenn nach den Regeln der Beweislastumkehr die Pflicht zum Nachweis einer mangelnden Kausalität dem Arzt auferlegt worden wäre, weil ein grober Behandlungsfehler vorläge.

Davon ist das Gericht aber nicht ausgegangen, weil nach den Ausführungen des Sachverständigen zwar ein fehlerhaftes Verhalten des Arztes vorlag, dieses jedoch nicht das Maß erreichte, welches für die Annahme eines groben Behandlungsfehlers nötig ist. Hierbei hätte der Beklagte nämlich die bestehende „Gelenksverrenkung“ und die daraus entspringende Operationsindikation nach der ihm vorliegenden Röntgenaufnahme „nicht nur eindeutig, sondern darüber hinaus auch in einer Weise zwingend hätte erkennen müssen, daß alles andere für einen Arzt schlichtweg nicht mehr verständlich gewesen wäre“. Eine solche grobe Fehlerhaftigkeit der ärztlichen Behandlung hat das Gericht indes nicht gesehen.

Ob die gerichtliche Entscheidung zutrifft, kann ohne exakte Kenntnis der medizinischen Details des Falles nicht entschieden werden. Dem Urteil kann aber keineswegs entnommen werden, daß Gerichte gerade im Falle von bildgebender Diagnostik gewillt wären, die Pflichten eines Arztes weniger streng zu sehen. Richtig ist vielmehr, daß für den Bereich der Bildgebung in der Unfallchirurgie oftmals eine Beweislastumkehr eintreten wird, wenn Befunde derart deutlich hervortreten, daß ein Übersehen des klaren Befundes völlig unverständlich ist, oder aber eine weitere Befunderhebung notwendig gewesen wäre, die unterblieben ist und bei ihrer Durchführung ein Untersuchungsergebnis gezeigt hätte, bei dem die Nichtreaktion hierauf ihrerseits als grober Behandlungsfehler zu bewerten wäre; auch letzteres hat das Gericht vorliegend verneint.

21.12.2006


Eine Seite zurück  Eine Seite vor

Verwandte Stichworte

Medizinrecht

Apothekenrecht

Arzthaftungsrecht

Vergaberecht

Krankenhausplanung / -finanzierung

Heilmittelwerberecht

Pharmarecht

Compliance-Beratung

Krankenhausrecht

Pflegerecht und Rehabilitationsrecht

Kooperationen im Gesundheitswesen

Medizinische Versorgungszentren

Krankenhaus-Entgeltrecht

Medizinprodukterecht

Psychotherapeuthenrecht

Gesellschaftsrecht

Chefarztrecht

Vertragsarztrecht

Zahnarztrecht

Arzneimittelrecht