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Falschdiagnose ist nicht gleich Behandlungsfehler

Im Arzthaftungsrecht kann zwischen verschiedenen Kategorien von Behandlungsfehlern unterschieden werden. Ein denkbarer Behandlungsfehler liegt in dem Stellen einer Fehldiagnose.

Zu berücksichtigen ist jedoch, daß Symptome einer Erkrankung oftmals mehrdeutig sind und auf verschiedene Ursachen schließen lassen. Nimmt aber ein Arzt die erforderlichen Untersuchungen nach den Regeln der ärztlichen Kunst vor, kann ihm eine objektiv falsche Diagnose rechtlich nicht zum Vorwurf gemacht werden. Dies hat zuletzt auch das OLG Koblenz in einem Urteil vom 29.06.2006, Az.: 5 O 1494/05, erneut bestätigt.

Nicht zuletzt die Tatsache, daß jeder Patient aufgrund der Unterschiedlichkeiten im menschlichen Organismus die Symptome ein und derselben Krankheit in recht unterschiedlicher Ausprägung aufweisen kann, sind – sich nachträglich als solche herausstellende – Irrtümer bei der Diagnosestellung oft nicht die Folge eines vorwerfbaren Versehens des behandelnden Arztes. Sofern Diagnoseirrtümer lediglich auf eine Fehlinterpretation der Befunde zurückzuführen sind, werden sie in der Rechtsprechung deshalb in der Regel nur mit Zurückhaltung als Behandlungsfehler gewertet.

Unter Berücksichtigung dieser Grundsätze hob das Gericht in seinem Urteil eine Entscheidung des LG Koblenz auf, das einer Patientin 12.000,00 € Schmerzensgeld zugesprochen hatte. Die Patientin hatte wegen starker Bauchschmerzen einen Arzt aufgesucht. Dessen Untersuchungen, die auch an den nachfolgenden Tagen fortgesetzt wurden, ergaben keinen Hinweis auf einen entzündeten Blinddarm. Der Arzt ging vielmehr zunächst von einer Magen- und Darmstörung sowie später von einem fieberhaften Harnwegsinfekt aus. Diese Diagnosen stellten sich später als falsch heraus. Die Patientin war der Auffassung, die Blinddarmentzündung hätte vom Arzt sofort erkannt werden müssen und verlangte daher Schmerzensgeld.

Auf der Grundlage eines umfangreichen Sachverständigengutachtens folgte das OLG dieser Auffassung nicht. Vielmehr, so der Gutachter, sei die Befundlage schwierig gewesen und von dem Mediziner plausibel gedeutet worden.

Bereits mit Urteil vom 08.07.2003 (Az.: IV ZR 304/02) hatte der Bundesgerichtshof (BGH) festgestellt, daß ein Behandlungsfehler nicht immer schon dann anzunehmen sei, wenn ein Arzt zu einer objektiv unrichtigen Diagnose gelangt ist. Irrtümer bei der Diagnosestellung, die in der Praxis nicht selten vorkommen, sind nach Auffassung des BGH oft nicht die Folge eines vorwerfbaren Versehens des Arztes. Diagnoseirrtümer, die objektiv auf eine Fehlinterpretation der Befunde zurückzuführen sind, können daher nur mit Zurückhaltung als Behandlungsfehler gewertet werden. Das OLG befindet sich daher mit seiner Entscheidung auf der Linie des höchsten deutschen Zivilgerichtes.

Etwas anderes kann in diesen Fällen jedoch dann gelten, wenn Symptome vorliegen, die für eine bestimmte Erkrankung kennzeichnend sind, vom Arzt aber nicht ausreichend berücksichtigt wurden. In solchen Fällen kann auch die Fehldiagnose selbst einen Behandlungsfehler darstellen. Schließlich kann es behandlungsfehlerhaft sein, wenn der Arzt für bestimmte Symptome keine ausreichende Erklärung hat, und er daher weitere Befundungen hätte veranlassen müssen. Läßt sich also ein bestimmtes Symptom mit der vom Arzt erstellten Diagnose nicht hinreichend erklären, muß der Arzt ggf. weitere Diagnosemaßnahmen ergreifen bis er ausreichende Klarheit hat. Ansonsten kann ein Befunderhebungsfehler vorliegen.

21.11.2006
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RA Jens-Peter Jahn
RA Jens-Peter Jahn Zoom

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