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Schulterdystokie nach vaginaler Geburt

In einer jüngeren Entscheidung hatte sich das Oberlandesgericht (OLG) Koblenz u.a. mit der Reichweite der Aufklärung vor einer Entbindung zu befassen (Urteil vom 18.05.2006, Az.: 5 U 330/02).

In dem dortigen Verfahren wurde ein Gynäkologe sowie das Krankenhaus, in dem die Entbindung stattfand, auf Zahlung eines Schmerzensgeldes und Feststellung weitergehenden Schadensersatzes verklagt, weil es bei der vaginalen Entbindung des Klägers zu einer Schulterdystokie gekommen war. Zusätzlich zu den behaupteten Behandlungsfehlern führte der Kläger aus, daß seine Mutter vor der Wahl des Enbindungsverfahrens nicht über mögliche Alternativen aufgeklärt worden wäre. Da das Kind ein Geburtsgewicht von 4.720 g aufwies, sei eine Kaiserschnittentbindung indiziert gewesen. Über diese Wahlmöglichkeit sei die Mutter jedoch nicht aufgeklärt worden.

Weder das erstinstanzliche Landgericht Trier, noch das OLG sind einer solchen Sichtweise jedoch gefolgt. Zunächst haben die Gerichte dabei das Vorliegen eines Behandlungsfehlers verneint. Weitergehend ist aber auch die Rüge einer mangelnden Aufklärung, die der Kläger erhoben hatte, ohne Erfolg geblieben.

Hierzu hat das OLG ausgeführt, daß eine werdende Mutter grundsätzlich nicht über die Möglichkeit einer Schnittentbindung aufgeklärt werden müsse, wenn diese medizinisch nicht indiziert sei und deshalb als echte Alternative nicht in Frage käme.

Zwar hätte eine bekannte Makrosomie des Feten die Notwendigkeit begründen können, auf die besonderen Gefahren bei einer vaginalen Entbindung hinzuweisen und hier die Schnittentbindung als Alternative aufzuzeigen. Die Besonderheit in dem vorliegenden Fall lag aber darin, daß – in nicht vorwerfbarer Weise – die Beklagten von einem Geburtsgewicht von weniger als 4.000 g ausgegangen waren und auch ansonsten keine eindeutigen Hinweise für das Auftreten einer Makrosomie bei dem Kind sprachen. Von daher lagen aus Sicht der Ärzte vor der Entbindung keine Fakten vor, die dazu Veranlassung gegeben hätten oder hätten geben müssen, hinsichtlich der Wahl des Entbindungsverfahrens eine Schnittentbindung in Betracht zu ziehen. Auch die Aufklärungsrüge des Klägers ist daher ohne Erfolg geblieben, so daß die Klage in beiden Instanzen abgewiesen wurde.

Die Entscheidung des OLG zeigt nochmals, daß für die Feststellung der Reichweite ärztlicher Aufklärungspflichten der konkrete Einzelfall zu betrachten ist. Exemplarisch für den Fall der notwendigen Aufklärung vor einer Entbindung kann also deren Umfang nicht in allgemein verbindlicher Weise festgelegt werden, sondern muß individuelle Faktoren des Patienten besondere Berücksichtigung einräumen. Aus diesem Grunde sollten auch Aufklärungsformulare, deren Verwendung aus Dokumentationsgründen anzuraten ist, für die konkrete Aufklärungssituation individualisieren werden, so daß sie den Nachweis für eine ordnungsgemäße und individuelle Aufklärung des Patienten liefern können.

03.11.2006


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