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Behandlungsfehler nach Zeckenbiß bei Verdacht auf Borreliose?

In einer Entscheidung, die jüngst das LG Osnabrück gefällt hat, ging es um die ärztlichen Sorgfaltspflichten bei dem Verdacht auf eine Borreliose (Urteil vom 30.11.2005, Az.: 2 O 3380/03).

Der dortige Kläger hatte sich im September 2000 bei einem Hausarzt vorgestellt, weil ihm eine Hautrötung am Oberkörper nach einem Zeckenbiß aufgefallen war. Unter dem Verdacht einer Borreliose verordnete der Beklagte eine 10-tägige Therapie mit Doxicyclin. Als sich der Kläger knapp fünf Monate später mit einem immer wieder auftretendem Drehschwindel bei dem Beklagten vorstellte, führte dieser eine Blutuntersuchung durch, welche einen schwach positiven Befund von Borrelien-Antikörpern ergab. Zur Abklärung des Drehschwindels wurde eine Überweisung zum HNO-Arzt veranlaßt.

Der Kläger begehrte mit der Klage vor dem LG Osnabrück u.a. die Zahlung von Schmerzensgeld, weil die Diagnosestellung verzögert worden sei und eine adäquate Behandlung nicht stattgefunden habe.

Dazu führte der Kläger aus, daß bereits bei der ersten Vorstellung in der Praxis des Beklagten im September 2000 eine Blutuntersuchung hätte durchgeführt werden müssen, was aber nicht erfolgt sei. Zudem sei die Behandlungsdauer mit Antibiotika von 10 Tagen zu kurz gewesen und hätte nicht dem allgemeinen Standard entsprochen. Nach dem Absetzen des Antibiotikums hätte zudem nochmals eine Blutuntersuchung erfolgen müssen, um den Therapieerfolg zu sichern. Wäre dies alles durchgeführt worden, so wären ihm – dem Kläger – die Leiden durch die mehrmonatige Borreliose erspart geblieben.

Das Gericht ist dieser Argumentation nicht gefolgt, nachdem es ein Sachverständigengutachten eingeholt hatte.

Der dortige Sachverständige hatte in dem Gerichtsverfahren zunächst ausgeführt, daß eine Blutentnahme zur Bestätigung eines Borreliose-Verdachtes nicht zwingend notwendig sei, weil die Borreliose im wesentlichen durch typische klinische Symptome diagnostiziert werde und erhebliche Unsicherheiten bei der Labortestung bestünden. Insbesondere habe es allein die klinisch gestellte Diagnose eines Borreliose-Verdachtes gerechtfertigt, eine antibiotische Behandlung ohne ergänzende Labordiagnostik zu veranlassen.

Im Rahmen dieser Behandlung habe sich der Beklagte an die gängigen Empfehlungen gehalten, wenn es auch keinen einheitlichen Therapiestandard zu der damaligen Zeit gegeben hätte. Eine 10-tägige Therapie mit Doxicyclin 200 ml sei jedoch gängig und stelle insoweit auch keinen Behandlungsfehler dar.

Zuletzt hätte der Beklagte auch nicht nach Abschluß der antibiotischen Therapie eine Blutuntersuchung veranlassen müssen, weil diese medizinisch nicht indiziert gewesen sei. Der Therapieerfolg einer Antibiose lasse sich überhaupt nicht labordiagnostisch sichern, weil die Borrelien-Serologie im Stadium I der Erkrankung häufig negativ sei und positive Borrelien–IgM-Antikörper lediglich die Diagnose bestätigten, sofern klinische Zweifel an ihr bestünden, aber nichts über einen Therapieerfolg aussagten. Eine Serokonversion trete nämlich auch nach erfolgreicher Behandlung einer Borreliose erst Wochen bis Monate später ein, so daß die entsprechenden Antikörper noch eine erhebliche Zeit nach Therapieende – auch nach einer erfolgreichen Therapie – nachweisbar bleiben könnten. Deswegen war auch eine Blutuntersuchung zur Sicherung des therapeutischen Erfolges nicht erforderlich.

Hinsichtlich der bei dieser Erkrankung des Klägers notwendigen Behandlungsdauer hat das Gericht in seiner Urteilsbegründung weiter ausgeführt, daß der Arzt nicht stets den jeweils sichersten therapeutischen Weg gehen muß, wenn das praktizierte Vorgehen nicht gegen anerkannte und gesicherte medizinische Soll-Standards verstößt. Nur dann also, wenn zum Zeitpunkt der Behandlung festgestanden hätte, daß eine 10-tägige Therapie nicht ausgereicht hätte, wäre ein Arzt verpflichtet gewesen, längerfristig bei dem Verdacht auf eine Borreliose antibiotisch zu behandeln. Da dies aber nach dem Stand der Wissenschaft auch zur damaligen Zeit nicht der Fall war und vielmehr in der medizinischen Literatur eine Therapiedauer von 7 – 21 Tagen diskutiert wurde, hat sich der Beklagte einer verordneten Therapiedauer von 10 Tagen innerhalb dieser Bandbreite gehalten und somit nicht gegen Standards verstoßen. Er war nicht verpflichtet, entsprechende Antibiotika für einen sehr langen Zeitraum zu verschreiben, um quasi einen „Sicherheitszuschlag“ zu haben und so jede mögliche Gefahr auszuschließen. Bei einer Abwägung von Nutzen und Risiken einer längeren Antibiotikagabe war die damalige Entscheidung des Beklagten, eine Therapie mit Doxicyclin 200 mg auf 10 Tage zu begrenzen, also von seiten des Gerichtes nicht zu beanstanden.

Dieses Urteil zeigt neuerlich, daß eine Vielzahl der Arzthaftungsprozesse auf der medizinischen Ebene entschieden wird und den Gerichten oftmals kaum eine andere Möglichkeit verbleibt, als dem Sachverständigengutachten zu folgen, sofern dieses – wie hier – überzeugend ausfällt. Mangels eigener originärer Sachkunde wird es einem Richter nämlich nur schwerlich möglich sein, die Darlegung eines Sachverständigen selbst zu widerlegen. Ggf. bestünde lediglich die Möglichkeit, bei mangelhaftem Ausfall des Gutachtens einen weiteren Sachverständigen zu beauftragen.

26.07.2006


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