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Haftung bei der Extraktion eines Weisheitszahns

Das Thüringer Oberlandesgericht (OLG) wies mit Urteil vom 26.04.2006, Aktenzeichen 4 U 416/05, die Klage eines Patienten ab, der bei der Entfernung eines Weisheitszahns eine Verletzung am Nervus lingualis erlitten hatte. Nach den Feststellungen des OLG war dem Beklagten zwar ein Behandlungsfehler unterlaufen, indem er vor der Extraktion eines Weisheitszahns keine Röntgenaufnahme des Zahnes sowie des knöchernen Umfeldes erstellt hatte. Dies aber führte nicht zu einer Haftung des Beklagten, da es an der haftungsbegründenden Kausalität fehlte.

Die haftungsbegründende Kausalität betrifft die Frage der ursächlichen Verknüpfung zwischen dem Behandlungsfehler und dem Eintritt des ersten Schadens am Körper oder der Gesundheit. Dieser vom Kläger zu beweisende Ursachenzusammenhang liegt vor, wenn der sogenannte Primärschaden auf den Behandlungsfehler zurückzuführen ist und eine dem Standard entsprechende Behandlung den Eintritt des Schadens verhindert hätte. Die bloße Wahrscheinlichkeit des Nichteintritts hingegen genügt nicht.

Das Gericht folgte dem Sachverständigen in dessen Einschätzung, bei der Verletzung des Nervus lingualis handele es sich zwar um eine typische aber seltene Komplikation, zumal der Nerv röntgenologisch nicht sichtbar sei. Auch eine vorangegangene Röntgenaufnahme hätte daher vorliegend den Eintritt des Primärschadens nicht mit Sicherheit verhindert. Die bloße Wahrscheinlichkeit des Nichteintritts eines solchen Schadens aber genüge nicht. Steht also gerade nicht fest, daß die lege artis Behandlung - d. h. eine vorherige Röntgenaufnahme - den Eintritt des Primärschadens verhindert hätte, fehlt es an der haftungsbegründenden Kausalität.

Beweiserleichterungen unter dem Aspekt eines Dokumentationsmangels oder eines groben Behandlungsfehlers nahm das OLG nicht an.

Die Feststellung, ob ein grober Behandlungsfehler vorgelegen hat oder nicht, hielt das OLG für überflüssig. Dies vor dem Hintergrund, daß eine Umkehr der Beweislast bei Vorliegen eines groben Behandlungsfehlers dann nicht in Frage kommt, wenn ein haftungsbegründender Ursachenzusammenhang äußerst unwahrscheinlich ist, sich nicht das Risiko verwirklicht hat, dessen Nichtbeachtung den Fehler als grob erscheinen läßt oder wenn der Patient durch sein Verhalten eine selbständige Komponente für den Heilungserfolg vereitelt und dadurch in gleicher Weise wie der grobe Behandlungsfehler dazu beigetragen hat, daß der Verlauf des Behandlungsgeschehens nicht mehr aufgeklärt werden kann.

Nach Auffassung des OLG hätte hier ein solcher Ausnahmefall vorgelegen, da, selbst wenn eine Röntgenaufnahme gemacht worden wäre, der Behandler bei der Operation nicht hätte erkennen können, ob der Nervus lingualis beschädigt werden würde. Die Röntgenaufnahme hätte an seiner Vorgehensweise im Hinblick auf die mögliche Gefahr einer Beschädigung des Nervus lingualis nichts geändert.

Das Röntgenbild könne allenfalls ein gesteigertes Risiko einer Nervenverletzung offenbaren, so daß es gegebenenfalls für die Aufklärung über das Risiko, nicht aber für die tatsächliche Vermeidung einer solchen Beschädigung von Bedeutung sein könne.

Das Vorliegen eines Aufklärungsfehlers schließlich verneinte das OLG mit dem Argument, daß der Patient sich auch bei ordnungsgemäßer Aufklärung zu der Operation entschlossen hätte. Der beklagte Zahnarzt hatte den Einwand der hypothetischen Einwilligung erhoben. Dem Patienten obliegt es in solchen Fällen darzulegen, daß er sich bei ordnungsgemäßer Aufklärung in einem ernsthaften Entscheidungskonflikt befunden hätte. Obwohl an den entsprechenden Vortrag des Patienten keine zu hohen Anforderungen zu stellen sind, scheitert die erhobene Aufklärungsrüge oftmals an diesem Punkt. Auch in diesem Fall ging das Gericht nach Anhörung des Klägers nicht davon aus, daß ein ernsthafter Entscheidungskonflikt vorlag.

Im Ergebnis hat das OLG die Klage insgesamt abgewiesen.

03.07.2006
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RA Jens-Peter Jahn
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