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Aufklärungspflicht bei Extraktion eines Weisheitszahns

Mit Urteil vom 12.03.2003 Az. 5 U 52/02 verurteilte das Oberlandesgericht (OLG) Köln einen Zahnarzt aufgrund eines Aufklärungsfehlers zum Ersatz sämtlicher materieller Schäden aus der Extraktion eines Weisheitszahnes.

Bei ansonsten fehlerfreier Behandlung, unterließ es der Beklagte, über das Risiko einer Osteomyelitis aufzuklären. Angesichts der denkbaren Auswirkungen auf die weitere Lebensführung des Patienten, nahm das OLG Köln eine Aufklärungspflicht auch hinsichtlich dieses extrem seltenen, aber typischerweise mit der Extraktion eines Weisheitszahns verbundenen Risikos an.

Das OLG Köln bewegt sich damit auf einer Linie mit der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH). Bei der Frage der Aufklärungspflicht sind Risikostatistiken grundsätzlich von geringer Bedeutung. Bei der Unterrichtung über Risiken eines beabsichtigten ärztlichen Eingriffs (Eingriffsaufklärung) ist auch über sehr seltene Risiken aufzuklären, wo sie, wenn sie sich verwirklichen, die Lebensführung schwer belasten und trotz ihrer Seltenheit für den Eingriff spezifisch, für den Laien aber überraschend sind (BGH MedR 1995, 25). Der Arzt muß sich die Frage stellen, welche Risiken für die Entscheidung des Patienten ernsthaft ins Gewicht fallen könnten. Auch eine Komplikationsdichte von weniger als 1% oder sogar weniger als 0,1 % (OLG Köln NJW-RR, 1992, 984 weniger als 0,1 % und OLG Zweibrücken NJW-RR, 1995, 1305 0,01 %), schließt daher die Aufklärungspflicht nicht aus, wenn das entsprechende Risiko, bei einem verständigen Patienten für seinen Willensentschluß über die Einwilligung ernsthaft ins Gewicht fallen kann.

Auch wenn diese Rechtsprechung in der Fachwelt auf Unverständnis stößt, muß sich der Behandler nach ihr richten, will er Haftunsrisiken minimieren. Das Selbstbestimmungsrecht des Patienten wird vor dem Hintergrund des Grundgesetzes entsprechend hoch bewertet. Je höher der ärztliche Standard und damit auch das Anspruchsdenken der Patienten wird, um so umfassender werden auch die Auflärungspflichten. Je dringender freilich ein medizinischer Eingriff ist, um so geringer die Anforderung an die Aufklärung.

Im konkreten Fall bedeutet dies, daß neben der bisher üblichen Aufklärung bei Weisheitszahnextraktionen (Sensibilitätsstörungen/Nervenverletzungen - insbes. Zungennerv und mögliche Folgen, Eröffnung der Kieferhöhle, Wundheilungsstörungen etc.) nicht nur über das Risiko einer Infektion, sondern auch über die Gefahr einer Knochenmarksentzündung und deren Folgen aufgeklärt werden muß, selbst wenn viele Aufklärungsbögen die Osteomyelitis nicht als aufklärungspflichtiges Risiko bei der Extraktion von Weisheitszähnen aufführen.

08.12.2003


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