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Keine Arzthaftung bei vertretbarer Fehlinterpretation der vorliegenden Befunde

Mit Beschluss vom 26.08.2014 (Az.: 5 U 222/14) stellte das OLG Koblenz fest, dass ein Diagnoseirrtum, der objektiv auf einer Fehlinterpretation der Befunde zurückzuführen sein kann, nur mit Zurückhaltung als Behandlungsfehler bewertet werden darf. Wird also eine nach den Gesamtumständen fernliegende Carbamazepin-Unverträglichkeit naheliegend als Amoxicillin-Unverträglichkeit fehlinterpretiert, liegt darin kein schuldbares Verhalten des Arztes.

Die Klägerin hatte seit dem 27.09.10 Carbamazepin eingenommen. Am 19.10.10 nahm sie erstmalig das Antibiotikum Amoxicillin ein. Am darauffolgenden Tag suchte die Klägerin aufgrund einer heftigen Hautreaktion am ganzen Körper die Notfallambulanz der Beklagten auf. Die behandelnde Notfallärztin, eine Fachärztin für Allgemeinmedizin, ging von einer Amoxicillin-Allergie aus. Der Klägerin wurde geraten, eine cortisonhaltige Salbe zur Behandlung aufzutragen. Am 29.10.10 begab sich die Klägerin aufgrund des weiterhin drastischen Verlaufs andernorts erneut in stationäre Behandlung. Nach Absetzen des Carbamazepin zeigte sich dort eine deutliche Besserung der Beschwerden. Nach den Ereignissen beschritt die Klägerin den Rechtsweg und machte geltend, die Beklagte habe die Symptome falsch gedeutet und eine ergänzende Befunderhebung hätte den weiteren Verlauf frühzeitig in die richtige Bahn gelenkt, sodass es zu einem besseren Ergebnis für die Klägerin geführt hätte. Die Klage blieb jedoch ohne Erfolg, da das Landgericht unter Bezug auf den medizinischen Sachverständigen die angenommene Carbamazepin-Unverträglichkeit als die näher liegende Diagnose wertete und darum keinen Diagnosefehler erkannte. Gegen diese Entscheidung legte die Klägerin Berufung ein.

Das Berufungsgericht kam ebenfalls zu dem Schluss, dass der Beklagten kein Befunderhebungsfehler vorzuwerfen sei. Grundsätzlich liege zwar in dem Nichterkennen einer erkennbaren Erkrankung und der für sie kennzeichnenden Symptome ein Behandlungsfehler (Diagnosefehler), jedoch führte das Gericht weiter aus:

„Irrtümer bei der Diagnosestellung, die in der Praxis nicht selten vorkommen, sind jedoch oft nicht die Folge eines vorwerfbaren Versehens des Arztes. Die Symptome einer Erkrankung sind nämlich nicht immer eindeutig, sondern können auf die verschiedensten Ursachen hinweisen. Dies gilt auch unter Berücksichtigung der vielfachen technischen Hilfsmittel, die zur Gewinnung von zutreffenden Untersuchungsergebnissen einzusetzen sind. Diagnoseirrtümer, die objektiv auf eine Fehlinterpretation der Befunde zurückzuführen sind, können deshalb nur mit Zurückhaltung als Behandlungsfehler gewertet werden.*

Dies zu Grunde gelegt, sei die Berufung unbegründet. Entscheidend seien die medizinischen Erkenntnisse zum Zeitpunkt des behaupteten Fehlverhaltens (20.10.10). Zu dieser Zeit sei die Unverträglichkeitsreaktion auf das tags zuvor erstmalig eingenommene Amoxicillin die näher liegende Diagnose gewesen. Auch der Entlassungsbericht des zweiten Krankenhauses widerspreche dem nicht. Zwar werde eine wahrscheinliche Carbamazepin-Unverträglichkeit beschrieben, jedoch werde der Verdacht auf eine Amoxicillin-Allergie ebenfalls erwähnt. Insoweit sei es nicht (mehr) feststellbar, ob und wenn ja in welchem Ausmaß ein Unterschied bestanden hätte. Der Ärztin könne im Ergebnis nicht vorgeworfen werden, dass das objektiv Naheliegende wohl nicht zutraf, das objektiv Fernliegende aber wahrscheinlich die richtige Diagnose gewesen wäre. Insoweit werde keine Haftung begründet, da es am Verschulden der Ärztin fehle und die Klägerin nicht habe beweisen können, dass der weitere Kausalverlauf bei alternativer Diagnosestellung günstiger gewesen wäre.

*Unterstreichung durch Bearbeiter hinzugefügt.

17.04.2015
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RA Jens-Peter Jahn
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